»Gute Fußballer machen nur Mädchen«

10. März 2005

Im Gespräch mit Uwe Leifeld

10. März 2005 im Mocca d’Or in Münster. Uwe ist gut gelaunt und bestellt Kaffee…

Pokalschrank: Leidest du der Tage mit dem VfL Bochum oder hoffst du mit Schalke?

Uwe: Also Emotionen habe ich keine mehr. Ob Schalke da jetzt Meister wird… Zu Bochum hält man noch, weil man da sieben Jahre gespielt hat, aber ich kann nur sagen: Selbst schuld! Drei Leistungsträger verkauft und keinen adäquaten Ersatz geholt. Ob Herr Neururer da jetzt entlassen werden muss weiß ich nicht, da bin ich zu weit weg, das ist eben das Fußballgeschäft. Heutzutage ist das alles Mediensache, aber Fußball gespielt werden muss ja auch.

Pokalschrank: Man erkennt Parallelen zu 1997. Nach dem Ausscheiden aus dem UEFA-Pokal sind damals auch alle Leistungsträger verkauft worden…

Uwe: Im internationalen Wettbewerb musst du viel verdienen und viel einnehmen. Borussia Dortmund, jüngstes Beispiel, hat sich Erfolg erkauft – ich hoffe, dass sie Montag (gemeint ist der 14.03.05 – Anteilseigner-Versammlung des Stadionfonds Molsiris; Anm. d. Red.) absteigen werden. Mir tut es für den Fußball leid, für Mannschaften wie Freiburg, Bochum oder Frankfurt, die damals absteigen mussten.

Pokalschrank: …womit wir bei den Schiedsrichtern wären.

Uwe: Ich weiß von Schiedsrichtern, die damals gut bedient worden sind, einen Abend vorher. Wetten gab es damals noch nicht so, aber die Schiris sind von den Vereinen ganz gut verwöhnt worden. Da hat man seinen Schiedsrichterbetreuer, der die dann freitags im Hotel besucht und abends mit ihnen auf irgendwelche Veranstaltungen geht. Das gab es früher genauso wie heute auch noch. Heute lassen Sie sich dabei eben erwischen.

Pokalschrank: Stichwort Erfolgsgeschichte VfL Bochum…

Uwe: Tja, schwierig. Ich sag mal so: 20 Kilometer weiter laufen 80.000 in Dortmund ins Stadion. 50 Kilometer laufen 60.000 in Gelsenkirchen ins Stadion. Du liegst mittendrin, warst in der vergangenen Saison bestes Team aus dem Revier, hast überragend gespielt und hast einen Schnitt von 15- 20.000 Zuschauern. Nicht auf Kohle geboren, sagt man dann. Vergangenen Samstag war im Ruhrstadion Auswärtsspiel. 33.000 Zuschauer, davon 20.000 Schalker. Irgendwie scheinen die die Fans nicht richtig binden zu können.

Pokalschrank: Obwohl: Tradition ist ja wohl da…

Uwe: Als wir 1988 im Pokalendspiel waren, das wir unglücklich verloren haben – das war eine Erfahrung. 80.000 in Berlin, die ganze Kurve Bochum. Am folgenden Tag sind wir in Bochum empfangen worden, als hätten wir die deutsche Meisterschaft geholt. Das war so geil. Das sind Zeiten, die man echt vermisst. Wie stolz die Leute waren, obwohl man ja „nur“ Zweiter geworden ist. Man könnte echt was erreichen in dieser Stadt, aber ständig dieses Schwanken. Vier, fünf Heimspiele hintereinander verloren, Tabellenplatz 14 oder 15. Da sagt man sich doch auch: Fahren wir lieber nach Dortmund oder Schalke und sehen Spitzenfußball. Gleiche Geschichte wie mit dem Stadion: Anfang der neunziger war das Ruhrstadion das schönste Stadion Deutschlands – ich glaube heute ist es das schlechteste. Man muss sich einfach mal die Toiletten angucken. Mit so was brauchst du in Europa nicht aufzulaufen. Schalke und Dortmund dagegen bieten diese Logen an, die du für 80.000 im Jahr kriegen kannst, Schalke kann sogar noch ausbauen – so was findest du in Bochum nicht.

Pokalschrank: Was denkst du über den Kader?

Uwe: Der Kader ist nicht bundesligatauglich. Die sind für die erste Liga zu schlecht und für die Zweite zu gut. Vratislav Lokvenc zum Beispiel passt gar nicht zum Verein oder siehst du den grätschen und den Acker umpflügen? Der steht nur vorne drin und wartet auf hohe Bälle über die Außen. Aber das geht gar nicht, die spielen gar nicht über Außen. Vielleicht ist der Peter (Neururer; Anm. d. Red.) auch auf. Aber es steht mir nicht zu, das zu beurteilen. Ich bin zum Glück nicht abgestiegen; die Tränen kenn ich nicht.

Pokalschrank: Du hast ja damals geplant, in Münster eine Fußballhalle zu eröffnen. Konntest du deine Pläne verwirklichen?

Uwe: Erstmal hab ich mit Wolfgang Sandhowe, der mich nach langer Verletzungspause in Bochum wieder aufgebaut hat, versucht, eine Kinderfußballschule zu eröffnen. Da kam aber keine Resonanz – ich glaube vier Kinder haben sich gemeldet. Kürzlich habe ich versucht mit drei Freunden eine Halle aufzumachen. Dann kam plötzlich Ansgar Brinkmann zu mir in den Laden und hat mich zwei Stunden so zugetextet, dass er mit mir eine Halle aufmachen will. Er würde für das Finanzielle sorgen und ich müsste mit meinem Namen werben, er würde sich noch bei mir melden – auf seinen Anruf warte ich heute noch. In der Sport-Bild war letzte Woche ein Artikel über ihn. Er hat 500.000 Schulden und sein Gehalt von Dynamo Dresden wird gepfändet. Ich fall immer wieder drauf rein.

Pokalschrank: Noch mal kurz zum VfL. Unter welchen Trainern hast du gespielt?

Uwe: Der erste war Reinhard Saftig. Mit ihm war ich damals in der Relegation gegen Saarbrücken. Thorsten Legat Elfmeter. Der wusste ja gar nicht worum es geht. Einfach drauf. Der wusste auch nicht, wo er hinschießt. Genialer Fußballer. Im Rückspiel bekommen wir einen Gegentreffer von Tony Yeboah. Kurz vor Schluss ist mir dann noch der Ausgleich gelungen. Da haben wir den Abstieg glücklicherweise noch abwenden können. Der zweite war Rolf Schafstall. Er war für mich als junger Spieler wichtig und ein guter Trainer. Nach Schafstall kam Hermann Gerland, „der Tiger“. Er war der Beste. Einmal ist er mit uns – in Leverkusen glaub ich – noch aufgelaufen. Der hat dann seinen Trainerschein gemacht und hatte zu uns einen guten Draht weil er mit uns gespielt hat. Jupp Tenhagen war auch ein guter Trainer, aber etwas zu kumpelhaft. Der ist mit uns auch einen trinken gegangen. Das kannst Du gerade in der ersten Liga nicht bringen. Einmal in Berlin ist – Thomas Kempe glaub ich – nicht aus dem Bett rausgekommen, weil er so besoffen war. Als der dann Stunden später zu uns stieß sagte Jupp dann nur: Geh mal ein bisschen auslaufen. Das war dem völlig egal, weil er nämlich selber noch voll war. Als wir mal in Karlsruhe gewonnen hatten und mit dem Bus auf dem Heimweg waren sind uns die Zigaretten ausgegangen. Da hieß es dann: „Jupp, kannze ma´ anne Tanke halten, wir ham keine Kippen mehr…“ Das wäre unter Gerland nicht passiert. Der hätte dich zwar auch bis fünf Uhr morgens saufen lassen, aber um sieben Uhr hättest du alles wieder ausgekotzt. Dann kam Holger Osieck. Der hat versucht, mich in Bochum zu halten, aber das Thema war für mich irgendwann abgehakt. Das hätte auch früher schon passieren können. Unter dem “Tiger” hatte ich noch Angebote aus Köln, die 3,5 Millionen zahlen wollten und Lyon hat sogar 6 Millionen geboten. Wäre in der Zeit der höchste Transfer in der Bundesliga-Geschichte gewesen. Aber meine Frau war zu der Zeit schwanger, ich kannte keinen in Lyon und deswegen ist daraus auch nichts geworden. Zur Nationalmannschaft bin ich auch eingeladen worden, aber gespielt habe ich leider nicht. Als dann die WM 90 vor der Tür stand habe ich mich verletzt. An meiner Stelle ist Frank Mill mitgefahren. Gut – der hat zwar auch keine Minute gespielt, aber auf seinen Autogrammkarten steht heute: Weltmeister 1990.

Pokalschrank: Was siehst du dir im Fernsehen an bzw. wie kommst du an deine Informationen über das Fußballgeschehen?

Uwe: Premiere hab ich nicht mehr, das fand ich früher ganz interessant. Aber ich hab auch samstags meinen Laden bis 18 Uhr auf, mit der Abrechnung bleibt noch nicht mal mehr Zeit für die Sportschau. Sportstudio ist mir meistens auch zu spät. Sonntags morgens guck ich mir während ich Frühstück mache die Tore von Samstag auf DSF an. Ansonsten gucke ich sehr wenig. Das machen eher meine Töchter. GZSZ und so. Gute Fußballer machen übrigens nur Mädchen. Der Tiger hat nach dem vierten aufgehört…

Pokalschrank: Nutzt du das Internet?

Uwe: Computer ist eher ein Fremdwort für mich. Ich weiß zwar wo er an- und wieder ausgeht, nehme Bestellungen für Dragon-Sport an und lese meine E-Mails, aber sonst machen das eher meine Kinder oder meine Frau. Ab und zu mach ich mal den Live-Ticker an aber das ist auch schon alles. Und wenn auch nur im Laden. Zu Hause gar nicht. Dafür verkaufe ich Zeitungen. Da steht alles drin. Die „Bild“ hat überhaupt den besten Sportteil. Der Großteil meiner Kunden kauft die „Bild“ nur wegen des Sportteils. Die haben alle Informationen, die die anderen erst eins, zwei Tage später bringen, schon aufgegriffen.

Pokalschrank: Ist diese Nutzung der Medien, ob Print, Fernsehen oder Internet denn eher Unterhaltung oder Information?

Uwe: Unterhaltung. Für mich ist das alles eh viel zu sehr mit Werbung verbunden. Dadurch sind natürlich auch die Gehälter in die Höhe geschossen. Zu dem Zeitpunkt, als ich gerade aufgehört habe. Anfang der 90er. Schieß mal heute in zwei Saisons hintereinander 16 Tore. Da hättest du ein schickes Gehalt von dreieinhalb Millionen. Aber es ist eben anders gekommen. Fußballer war ich mal und da kann ich mir heute nichts mehr für kaufen. Das Leben hat seine zwei Seiten, die Schöne hatte ich jetzt, für die Andere muss ich hart arbeiten. Ich habe damals „nur“ 100.000 verdient. Das war auch gutes Geld. Mit Anfang 20… Das Beste, was ich mit dem Geld gemacht habe war, ein Haus zu kaufen. Das zahle ich auch heute noch ab. Heutzutage spielst du dafür einen Monat. Aber: Ich behaupte, früher hat es mehr Spaß gemacht, Fußball zu spielen. Wenn ich Kahn und Ballack so sehe: Die können keinen Schritt mehr in der Öffentlichkeit tun, ohne dass das Fernsehen dabei ist und sich in deren Privatsphäre einmischt. So ein Leben will ich nicht haben. Im Urlaub gucken sie, ob du eine Rolle angesetzt hast, fotografieren deine Frau oben ohne – nein danke. Aber was beschwer ich mich. Bunte und Gala und das, wo das alles drinsteht, verkaufe ich ja jetzt selbst.

Pokalschrank: Kommen deine Kunden nach wie vor zu dir in den Laden oder gibt es auch welche, die ihren Lottoschein und ihre Oddsetwette online platzieren und wegbleiben?

Uwe: Davon merke ich nichts. Stammkunden wollen das auch bleiben. Soweit ich das beurteilen kann.

Pokalschrank: Wie lautet deine Prognose für den Ausgang der Liga 04/ 05?

Uwe: Schalke wird wieder kein Meister. Die Ersatzbank gewinnt die Meisterschaft und da ist Bayern besser ausgerüstet. Mittwochs holen sie dann die Champions League und schlagen im Pokalfinale Schalke.

Pokalschrank: Der Pott – ein Tränenmeer…

Uwe: Na ja. Interessanter finde ich eh die Champions League. Da scheinen die Bayern nach wie vor das beste Zugpferd zu sein. Überleg mal: Da wird der deutsche Meister und Pokalsieger Bremen nicht gezeigt. Statt dessen: Hin- und Rückspiel der Bayern. Das muss dem Allofs auch ganz quer gegangen sein…

Pokalschrank: Uwe, wir bedanken uns recht herzlich, dass Du dir für uns soviel Zeit genommen hast. Es war sehr aufschlussreich.

Uwe: Das habe ich gerne gemacht. Wenn noch was ist – ihr wisst ja, wo ihr mich finden könnt…

 

Zur Person:

Leifeld wurde am 24. Juli 1966 in Münster geboren. Die Profistationen des Stürmers waren Preußen Münster (Saison 1984/85); VfL Bochum (1985 bis 1991); anschließend zwei Jahre FC Schalke 04. Im Anschluss kam er für zwei Spielzeiten zurück zu Preußen Münster. Dabei kam er bei 179 Bundesligaspielen zum Einsatz und erzielte 48 Tore (46 für Bochum, 2 für Schalke). Sein größter Erfolg ist der zweite Platz beim DFB-Pokal 1988 (VfL Bochum). In der Bundesliga: Platz 9, 1986 mit dem VfL Bochum; Platz 10, 1993 mit Schalke04. Die Teilnahme an der Fußball-WM 1990 in Italien verpasste er aufgrund einer Verletzung nur knapp. Nachdem er jahrelang ein Zeitschriftengeschäft in der münsteraner Innenstadt geführt hat, ist er mittlerweile zum VfL Bochum zurückgekehrt, wo er im Bereich Scouting tätig ist.