Diplomat mit angeborenem Dachschaden
08. Oktober 2006Im Gespräch mit Walter Eschweiler
Zum Auftakt der 44. Bundesligasaison traf sich die Redaktion zur TORWORT-Lesung am 12. August 2006 mit Walter Eschweiler in Köln. Der ehemalige Schiedsrichter pfiff von 1963 bis ‘90 insgesamt 256 Bundesliga-Begegnungen und war auch international ein anerkannter Spielleiter. Weltweit berühmt wurde Eschweiler ungewollt bei der Weltmeisterschaft 1982 in Spanien: Beim Aufeinandertreffen zwischen Italien und Peru wurde er von einem Spieler versehentlich umgerannt und schlug den sogenannten WM-Purzelbaum, Pfeife und Karten flogen in hohem Bogen durch die Luft. Trotzdem konnte er die Partie nach kurzer Unterbrechung zu Ende bringen. Als sich in der Halbzeit sein damaliger Chef, Außenminister Hans-Dietrich Genscher nach seinem Wohlergehen erkundigen wollte, entgegnete Eschweiler: „Lieber Herr Minister, außer dem angeborenen Dachschaden keine weiteren Verschlechterungen.“
Pokalschrank: Welche Rolle spielt ein Schiedsrichter im Idealfall auf dem Platz?
Eschweiler: Der Schiedsrichter hat den Regeln Geltung zu verschaffen und dafür zu sorgen, dass ein sportlich einwandfreier Verlauf des Fußballspieles gewährleistet ist. Nicht mehr und nicht weniger. Der Schiedsrichter ist auch nicht der Vorgesetzte der Spieler, sondern setzt die Regeln um wie sie vorgegeben sind, aber mit einem logischen Ermessensspielraum.
Pokalschrank: Sind die Schiedsrichter während der WM diesen Aufgaben zufriedenstellend nachgekommen?
„Das mit den drei gelben Karten darf nicht passieren.“
Eschweiler: Ich denke bei der Fußball-Weltmeisterschaft haben wir auf der Schiedsrichter-Seite Licht gesehen aber auch leider ein wenig Schatten und das muss nicht sein. Das menschliche Ermessen ist meines Erachtens im ein oder anderen Spiel zu kurz gekommen aber die FIFA wird wissen, wo sie da anzusetzen hat, das sich das nicht wiederholt; und wenn wir Schiedsrichter weiter an uns arbeiten, können wir die Fehlerquelle sehr stark minimieren.
Pokalschrank: Die fatalsten Fehlentscheidungen, die den Zuschauern heute noch in Erinnerung sind wie die drei gelben Karten gegen den Kroaten Simunic oder auch das Kartenfestival bei der Begegnung Portugal gegen die Niederlande sprechen dafür, dass einige Schiedsrichter völlig überfordert waren…
Eschweiler: Ach, ich will nicht sagen Überforderung. Die haben Vorgaben bekommen. Das ist dann meistens der vorauseilende Gehorsam, weil sie denn auch möglicherweise eine Regel zu strikt ausgelegt haben oder das Ermessen oder das Erkennen der jeweiligen Situation hier und da verwechselt haben. Das mit den drei gelben Karten darf nicht passieren. Nicht in der Kreisliga und nicht im Jugendbereich. Ich bin sicher, dass die FIFA, die UEFA und auch die FA (The Football Association – englischer Fußballverband; die Redaktion) in dem Fall ihre Konsequenzen ziehen werden. Das ist wirklich ein Fall, der darf einfach nicht passieren, aber das zeigt auch, dass die Kommunikation unter den vier Schiedsrichtern, die über Funk verbunden sind, nicht intakt ist.
Pokalschrank: Wie geht es Markus Merk?
Eschweiler: Ich verstehe seine Aufregung nicht. Man muss als Schiedsrichter auch sehr selbstkritisch sein. Und wenn er das ist – er ist ja ein guter Schiedsrichter – muss er sich eingestehen, dass nicht alles so war, wie es hätte sein sollen. Hinzu kommt: Wir als größter Verband der Welt sind seit der WM in Japan und Südkorea nicht mehr in der FIFA-Schiedsrichter-Kommission vertreten. Das ist sehr bedenklich!
„Der Fußball ist ein völkerverbindendes Element.“
Pokalschrank: Wie beurteilen Sie die nachträgliche Sperre Thorsten Frings´ für das Halbfinale gegen Italien?
Eschweiler: Tja, ich denke, da wollte man den Weg des geringsten Widerstandes gehen. Es ist eben so entschieden worden und seien wir mal sportlich: Wir akzeptieren es, es hat ja keinen Zweck. Das Nachkarten bringt nichts. Thorsten Frings weiß, wie er sich zukünftig zu verhalten hat.
Pokalschrank: In den Medien konnte man über Wochen eine intensive Patriotismus-Debatte verfolgen. Die Deutschen haben sich endlich selbst gefunden, hieß es. Wie hoch schätzen sie die integrative Kraft des Fußballs ein?
Eschweiler: Sehr hoch. Der Fußball ist ein völkerverbindendes Element. Sie haben ja gesehen: Besucher, die aus dem Ausland kamen und die bisher keine gute oder überhaupt keine Meinung über Deutschland hatten sind begeistert vom technischen Know-how, der Freundlichkeit und der Hilfsbereitschaft der Deutschen. Ich denke, die WM hat uns in der Welt einen großen positiven Nimbus gebracht und den sollten wir weiter festigen.
Pokalschrank: Wird die Euphorie auf die neue Bundesligasaison übertragen?
Eschweiler: Ich meine ja. Die Spiele, die ich bisher in der Bundesliga gesehen habe aber auch das erste Testspiel der Nationalmannschaft gegen Schweden: Ich finde, wir sind auf einem sportiven Wege.
„Ich freue mich, dass ich wieder helfen kann.“
Pokalschrank: Wie viel Spaß macht Ihnen die voranschreitende Kommerzialisierung im Fußball?
Eschweiler: Tja. Der Fußball kann davor nicht Halt machen und ohne Sponsoren läuft nichts mehr. Das fängt schon bei den Jugendmannschaften mit Trikotwerbung und Fußballschuhen an. Wir müssen nur versuchen, das der Sport immer noch dominant ist und nicht der Kommerz das oberste Gebot ist, sondern erst der zweite Faktor.
Pokalschrank: Und Sie meinen, das wäre momentan immer noch so?
Eschweiler: Ich hoffe und wünsche, dass es mehr Fuß greift.
Pokalschrank: Schauen Sie manchmal wehmütig zurück?
Eschweiler: Überhaupt nicht. Ich habe eine tolle Laufbahn erleben dürfen. Dafür bin ich dem DFB, der UEFA und der FIFA sehr dankbar. Auch wir haben Fehler gemacht in der ein oder anderen Form – das sollte man nicht vergessen. Da ich ja heute noch viele Promi-Spiele leite und durch meine Arbeit im Auswärtigen Amt in Bonn und Berlin bin ich dem Sport tagtäglich verbunden. Eine wunderbare Aufgabe und ich freue mich, dass ich stets helfen kann.
Pokalschrank: Im Auswärtigen Amt sind Sie zuständig für internationale Beziehungen sportlicher Verbände. Was heißt das genau?
Eschweiler: Der Sport ist in Deutschland im Bundesinnenministerium angesiedelt aber die außenpolitischen Dinge liegen beim Auswärtigen Amt. Meine Aufgabe ist es, die Olympischen Sommer- und Winterspiele, Paralympics, Special-Olympics, Welt- und Europameisterschaften und große internationale Events seitens der Bundesregierung mit vorzubereiten; zugleich bin ich der Kontaktmann des Auswärtigen Amtes und der verlängerte Arm der Bundesregierung zur FIFA, zur UEFA, zum IOC, zum IPC und zu den sonstigen internationalen Verbänden. Hier ergibt sich der glückliche Umstand, dass jemand diese Aufgabe ausfüllt wie ich, der die dienstliche und die sportliche Seite gut kennt. Gerade hab ich wieder einige Sachen von deutschen Bundesligavereinen auf dem Tisch liegen, die Spieler aus dem Ausland verpflichten wollen. Es geht da um Visabelange, dass sie schnell ausreisen können, ob für ein Probetraining oder eine längere Verpflichtung. Auch da arbeiten wir eng zusammen mit dem DFB, der DFL, der UEFA und der FIFA. Es geht aber nicht nur um Fußball, es sind alle Sportarten betroffen: Wir helfen, wo wir können dürfen.
„Der vorolympische Astralkörper ist immer noch vorhanden.“
Pokalschrank: Wie lange bleiben Sie noch im Dienst?
Eschweiler: Die nächsten hundert Jahre! So lange der liebe Gott mir den Geist und die Gesundheit erhält, möchte ich gerne viel von dem zurückgeben, was ich erleben durfte.
Pokalschrank: Pfeifen bzw. spielen Sie noch ab und zu?
Eschweiler: Wenn es geht sehe ich jedes Wochenende ein bis zwei Spiele, pfeife auch noch Promi-Spiele und trainiere noch wie zu Bundesliga-Zeiten. Am 2.9. findet zum Beispiel ein Promi-Spiel unter anderem mit Sepp Maier und Gerd Müller in der Nähe von München statt, das von Franz Beckenbauer organisiert wurde. Der vorolympische Astralkörper ist immer noch vorhanden.
Pokalschrank: Wann steigt der 1. FC Köln wieder auf?
Eschweiler: Wir alle hoffen und wünschen nach Abschluss dieser Serie, denn der FC ist eine Bereicherung der Bundesliga und hat nicht nur von der Tradition her Symbolcharakter. Schön wäre auch, wenn der FC in angemessener Zeit wieder international tätig würde – das haben der FC, sein Umfeld und seine treuen Fans verdient. Und ich bin sicher, dass das kommt. Der Trainer Latour scheint mir ein vernünftiger Mann mit Augenmaß zu sein. Es ist ja schon ein Zeichen, dass man ihn trotz des Abstiegs behalten hat, was ich auch richtig finde; er ist ein lebenserfahrener Mann, findet den richtigen Ton zu den Spielern und die müssen jetzt was zeigen indem sie Spiele gewinnen.
Pokalschrank: Haben Sie vielen Dank!