Schalke und das Leben nach dem Fußball
01. Juni 2006Im Gespräch mit Yves Eigenrauch
Pokalschrank: Warum hat es für Schalke 04 in diesem Jahr nicht zum Gewinn des Uefa-Cups gereicht?
Eigenrauch: Es hing sicherlich damit zusammen, dass es auch in diesem Jahr nicht verstanden wurde, eine konstante Leistung im gesamten Saisonverlauf abzuliefern. Bei dem Spiel in Sevilla hat man zwar gesehen, dass zeitweilig gefällig zusammen gespielt worden ist, aber im Spiel nach vorne dann auch immer sehr selten zielstrebig was Vernünftiges umgesetzt werden konnte.
Pokalschrank: …mangelnde Einstellung auf Seiten der Spieler?
Eigenrauch: Einstellung hängt ja auch immer damit zusammen, ob sich die Mannschaft innerhalb der Strukturen selbst regulieren kann. Da sind sicherlich die Einflussmöglichkeiten des Trainers überschaubar. Denn das wichtigste, auch in der heutigen Zeit ist, dass du einige Führungsspieler hast, die auch mal Tacheles reden und anerkannt sind. Und das scheint ja nicht so der Fall zu sein, wie man es sich vielleicht wünschen würde. Bestes Beispiel ist Lincoln: Der ist ein hervorragender Fußballer, kann aber bedauerlicherweise in den entscheidenden Momenten die Impulse nicht geben, sondern spielt eher gut, wenn es sowieso gut läuft. Und das ist das, was internationale Mannschaften ausmacht, dass die Spieler dabei haben, die auch wenn ein Spiel mal scheiße läuft, dieses durch ihr Engagement, ihr Auftreten und ihren Ehrgeiz noch umbiegen.
„In dieser Hinsicht stellt Schalke 04 immer noch eine Referenz dar im deutschen Fußball“
Pokalschrank: Schalke 04 – war der Verein in der Lage, seinen Fans in den letzten Jahren den nötigen Spagat zwischen Tradition und wirtschaftlicher Entwicklung zu vermitteln?
Eigenrauch: Ja, vor allem beim Bau der Arena haben sie Fingerspitzengefühl bewiesen. Die VIP-Räume sind zwar exklusiv, aber im Gegensatz zu einigen ausländischen Beispielen nicht pompös. Das geht damit weiter, dass man die Fans ins Vereinsgeschehen einbindet. Nicht umsonst ist es so, dass Schalke als erster Verein diesen Verband hatte, in dem die Fanclubs zentral koordiniert agieren, Einflussmöglichkeiten haben, insofern als das beispielsweise bei einer neuen Preisgestaltung die Fans angehört werden. In dieser Hinsicht stellt Schalke 04 immer noch eine Referenz dar im deutschen Fußball.
„Das bisschen Schauspiel kann man relativ schnell erlernen, wenn man nicht gerade vollkommen auf den Kopf gefallen ist“
Pokalschrank: Haben Sie das Gefühl, dass Mirko Slomka in der kurzen Zeit schon vermitteln konnte, dass er zu Schalke passt?
Eigenrauch: Da könnten wir auch 20 andere Trainer hinstellen, die würden auch das Gefühl vermitteln, dass sie zu Schalke passen. Da könnten Sie mich auch hinstellen, wenn ich Erfolg hätte, würde ich passen. Es geht halt um den Erfolg, und das bisschen Schauspiel was man vielleicht noch erlernen muss, dass man sich dann auch auf die Medien einstellt, dass man sich darauf einstellt, wie man mit den Fans umzugehen hat, wie man sich innerhalb des Vereins orientiert – das kann man, glaube ich, relativ schnell erlernen, wenn man nicht gerade vollkommen auf den Kopf gefallen ist.
„Das ist eine Geschichte, die einmalig geschrieben werden konnte…“
Pokalschrank: Yves Eigenrauch als Bestandteil der „Eurofighter“ – UEFA Cup-Finale 1997 – Das Jahr und vor allem der abschließende Höhepunkt aus Ihrer Sicht.
Eigenrauch: Es war eine sehr spannende Saison, wir hatten uns nach 19 Jahren mit Schalke 04 erstmalig wieder für einen internationalen Wettbewerb qualifiziert. Die Besetzung der Mannschaft war zwar nicht so überragend, insofern waren wir eigentlich froh, dass wir die ersten zwei Runden gut überstanden haben und die Spiele waren auch teilweise recht mitreißend. Das war alles schon sehr spannend, für die Meisten ja auch Neuland. Insofern hat es einfach Spaß gemacht, du hast von Runde zu Runde neue Eindrücke bekommen, wenn du in die große weite europäische Welt gereist bist. Und dann konnten wir auch noch idealtypisch das Endspiel in Mailand machen – das ist natürlich kaum zu überbieten. Das ist eine Geschichte, die einmalig geschrieben werden konnte und in der Form nicht wiederholbar ist.
Pokalschrank: Ihr Gegenspieler im Finale?
Eigenrauch: Youri Djorkaeff – das ist eine witzige Begebenheit, weil einige Leute das durcheinander schmeißen. Sie verwechseln das mit diesem ominösen Ronaldo-Spiel. Das war auch gegen Mailand, aber im darauf folgenden Jahr im Viertelfinale. Dort sind wir leider ausgeschieden.
„Die Leute haben sich damals fahrlässig einer Emotion hingegeben“
Pokalschrank: Das legendäre Saison-Finale 2001 – Ihr wahrscheinlich schlimmstes Erlebnis bei Schalke 04…
Eigenrauch: Das war nicht mein schwärzestes Kapitel in der ganzen Zeit, aus zweierlei Gründen: Auf der einen Seite, weil ich zu dem Zeitpunkt eigentlich de facto im sportlichen Bereich keine Relevanz mehr hatte. Da muss ich Olaf Thon in seiner Einschätzung recht geben – wenn du halt nicht weiter dabei bist und spielst, haben die Ereignisse in der Regel nicht so eine große Bedeutung. Und auf der anderen Seite, ich komme ja aus Ostwestfalen, aus Minden, da schenke ich Situationen erst Glauben, wenn sie hundertprozentig eintreffen. Die Leute haben sich damals, glaube ich, fahrlässig einer Emotion hingegeben – unabhängig davon, dass ein Medienvertreter frühzeitig davon gesprochen hat, dass das Spiel in Hamburg aus sei.
„Fußball sollte nicht mehr als ein Spiel sein“
Pokalschrank: Stichwort Nachwuchsarbeit bei Schalke 04…
Eigenrauch: Dazu kann ich eigentlich nicht viel sagen, da ich dies nicht so aufmerksam verfolge. Ich weiß, dass die A-Jugend der Schalker sehr erfolgreich ist und dass auch dort schon sehr professionell gearbeitet wird, was aber sicherlich auch in anderen Vereinen der Fall ist. Jedoch habe ich auf der anderen Seite den Eindruck, dass diese Jugendlichen die wesentlichste Zeit ihrer Jugend verpassen, denn der Aufwand ist unproportional groß, den man da investieren muss. So dass es da auch manchmal zu einer Art Verkümmerung kommen kann, was das Umfeld anbelangt. Und es wird in relativ jungen Jahren schon assoziiert, dass Fußball eine viel zu wichtige Rolle spielt. Ich weiß nicht, ob es innerhalb der Strukturen dann Möglichkeiten gibt, den jungen Spielern vor Augen zu halten, dass es nur ein Spiel ist. Das ist für mich das Wichtigste: Man sollte mit Ehrgeiz dabei sein, das Spiel jedoch nicht überbewerten, weil es eigentlich nicht mehr als ein Spiel sein sollte.
„Die Zuschauer verurteilten den Kommerz, strömten danach trotzdem in Scharen in die neue Arena“
Pokalschrank: Fußball ist Geld – noch eine Schwalbe, noch ein „herausgelogener“ Elfmeter – alles im Sinne des Erfolges. Ihre Einschätzung…
Eigenrauch: Die grundsätzliche Ausrichtung erfolgreich spielen zu wollen, gab es schon vor zehn Jahren, vor 20 Jahren und auch schon vor 30 Jahren. Zwar nicht in der Dimension wie heute, aber auch hier kann Fußball stellvertretend für die grundsätzliche gesellschaftliche Entwicklung gesehen werden: Jeder ist sich selbst der Nächste. Die entscheidende Frage ist, wie so etwas zustande kommen konnte. Es konnte zustande kommen, weil es eine Spirale ist: Der Spieler fordert mehr Gehalt, dann bekommt er es irgendwann auch mal – ein Verein muss mehr investieren, also müssen auch mehr Sponsoren herbeigezogen werden. Neue Arenen werden gebaut, weil man den Anspruch des Kunden befriedigen möchte oder weil man mehr Geld herausholen möchte. Ich persönlich mag diese Entwicklung nicht – Einzelne vermögen da jedoch sehr wenig auszurichten. Da geht es mehr darum, dass ein gemeinschaftlicher Zusammenhalt wünschenswert wäre. Angefangen bei den Spielern, die auch von sich aus sagen könnten, dass sie keine vier Millionen pro Jahr brauchen, sondern auch gut mit einer Million oder fünfhundert Tausend leben könnten. Genauso könnte man es auch bei den Zuschauern sehen, die ja gerade auch bei Schalke laut geschrieen haben, als es hieß, dass das Parkstadion verlassen wird. Sie wollten nicht in die neue Arena gehen. Sie verurteilten den Kommerz, strömten danach trotzdem in Scharen in die neue Arena.
„Wenn ich ein korrekter Spieler bin, kann ich auf solche pseudo-professionellen Mittel verzichten…“
Pokalschrank: Die Schuld an dieser Entwicklung tragen die Spieler selbst sagen die einen – die anderen schieben den Medien den schwarzen Peter zu…
Eigenrauch: Die Verantwortung liegt ganz klar beim Spieler, auch wenn die Medien Einfluss haben – in welcher Form auch immer. Das ist für mich nicht ausschlaggebend, um mein Verhalten zu ändern. Wenn ich ein korrekter Spieler bin, kann ich auf solche pseudo-professionellen Mittel verzichten, dann versuch ich meine Leistung zu bringen und einen normalen Fußball an den Tag zu legen. Ich finde es erschreckend, dass sich einige Spieler so verhalten. Auch solche Geschichten wie „da bin ich emotional geworden, da habe ich mich hinreißen lassen, da wurde ich provoziert“ – das kann einfach nicht sein, bei allem Druck, der sicherlich existent ist.
„Die Leute haben keine Lust mehr, inhaltlich zu arbeiten“
Pokalschrank: Sportjournalismus – oberflächliche und unkritische Berichterstattung?
Eigenrauch: Das hat sich in den vergangenen Jahren auch wesentlich verändert. Es wird sehr viel mit irgendwelchen „Stories“ gearbeitet, die mit dem Sport an sich nur noch wenig zu tun haben. Dass halt diese Trainerfragen immer sofort gestellt werden, als vermeintlich wichtiges Element – das ist eigentlich langweilig. Insofern wünsche ich mir schon, dass mehr Leute geneigt wären, fachliche Berichte zu lesen. Aber da muss man einfach feststellen, dass die meisten Leute, die sich für Fußball interessieren, an Aufmachern mit relativ wenig Text interessiert sind. Nicht umsonst hat die Bild-Zeitung nach wie vor diese hohe Auflage. Die Leute haben halt keine Lust mehr, inhaltlich zu arbeiten und auch kein Interesse mehr, hintergründige Berichte zu lesen.
Pokalschrank: Wie ging es nach der aktiven Karriere für Sie weiter?
Eigenrauch: 2002 war offiziell meine letzte Saison bei Schalke, wobei ich faktisch seit 1999/2000 sportlich keine Relevanz mehr hatte. Ich habe dann auch relativ zeitig, 2001, angefangen für die Arena zu arbeiten. Ich habe so eine Art Mini-Praktikum bei der Stadionbetriebsgesellschaft gemacht und hatte dann die Möglichkeit diesen Bereich auch drei Jahre lang zu leiten, was eine nette Geschichte war: Großveranstaltungen im Sport, wie „Biathlon auf Schalke“, Konzerte mit Robbie Williams und Bon Jovi.
„…Ich hatte mit Geschäftsleuten zu tun, deren Gesinnung mir fremd war“
Irgendwann hatte ich im Umfeld meiner Tätigkeit mit Geschäftsleuten zu tun, deren Gesinnung mir fremd war und dann muss man sich entscheiden, ob man etwas weitermacht, obwohl man nicht zu Hundertprozent dahinter steht, oder ob man etwas Neues anfängt. Das war damals mit 33 oder 34 Jahren so, dass ich mir gesagt habe: „Wenn du etwas anderes machen möchtest, dann ist jetzt der richtige Zeitpunkt dafür.“ Ich habe dann erstmal darüber nachgedacht, in welche Richtung es gehen könnte und arbeite jetzt hier am Consol-Theater als freier Mitarbeiter beziehungsweise im Moment in beratender Funktion. Und das ist auch das, was ich langfristig machen möchte: In kultureller Hinsicht beratend tätig zu sein, weil ich denke, dass es für viele Häuser zunehmend schwierig wird, sich nach Außen darzustellen und weil es viele Einrichtungen nicht verstehen, sich selbst zu regulieren und wahrzunehmen.
Pokalschrank: Vielen Dank für das Gespräch!
Zur Person:
Yves Eigenrauch spielte von 1990 bis 2002 für den FC Schalke 04, wurde 1997 UEFA-Cup-Sieger und konnte mit den Königsblauen in den Jahren 2001 und 2002 den DFB-Pokal gewinnen. Nach seiner aktiven Laufbahn widmete er sich der Kultur und arbeitet jetzt am Gelsenkirchener Consol-Theater.