„Ich spiele Fußball aus Leidenschaft.“
21. Mai 2006Im Gespräch mit Bernard Dietz
Mittags, halb eins, Duisburg-Meiderich. Das Trainingsgelände der Zebras liegt verwaist im Nieselregen; ein Ort der Gegensätze: Noch vor wenigen Tagen war der MSV erstklassig, die neue Saison findet eine Liga tiefer statt; in Kürze wird hier der WM-Mitfavorit Italien seine Zelte aufschlagen. Und darauf hoffen, dem italienischen Fußball seine Würde zurückgeben zu können.
Im Vereinsheim langweilen sich einige Figuren an der Theke und diskutieren über Sinn und Unsinn der roten Karte für „Lehmann“ im Champions-League-Finale; aus dem Radio ist Roland Kaiser zu vernehmen.
Bernard Dietz, bisher Amateurtrainer des Vereins und Kapitän der Europameisterelf von 1980, beendet sein Jägerschnitzel; seine Zeit beim MSV scheint abgelaufen zu sein. Der neue Trainer des Zweitliga-Absteigers LR Ahlen orientiert sich um.
„Das große Geld ist nicht mehr da; der Hauptsponsor ist abgesprungen und der Verein hat jetzt die Chance, einen Neuaufbau zu starten. Der Vereinsname soll auch geändert werden, vielleicht läuft es auf Rot-Weiss Ahlen hinaus.“ Dietz, 1948 in Bockum-Hövel geboren, will eine junge, dynamische Mannschaft um sich scharen und das erste Jahr in der Regionalliga gut überstehen. Auf lange Sicht will er jungen Spielern zu einer erfolgreichen Fußballer-Karriere verhelfen, so wie unter anderem schon Sebastian Schindzielorz, Stefan Wächter oder Slavo Freier, die er als Teenager schon triezte.
„Der Slavo, da kann ich mich noch gut dran erinnern, konnte früher noch nicht mal richtig geradeaus schießen. Den hab ich während des Trainings vor das Tor gestellt und ihm gesagt, er soll nichts anderes machen, als den Ball Vollspann ins leere Netz zu hauen. Als das Training nach anderthalb Stunden vorbei war, dachte ich: Scheiße, der Junge steht da ja immer noch, dem platzen gleich die Oberschenkel. Zwei Wochen später schießt der bei einem Punktspiel aus 20 Metern direkt in den Giebel….
Eine schöne Anekdote gibt es auch von Sebastian Schindzielorz. Wir mussten im Pokal mit der Jugendauswahl ins Elfmeterschiessen und ich als Trainer habe mir die Schützen notiert. Als ich den Sesi sehe, fällt der vor mir auf die Erde, zieht an meinem Hosenbein und fleht mich an: „Trainer, ich kann auf keinen Fall schießen, ich schieß bestimmt daneben, das ist nichts für mich, bitte lass mich einfach hier sitzen.“ Ich ließ ihn natürlich trotzdem antreten, er verwandelte und wir gewannen 5:4.
Einige Jahre später, ich saß zu Hause vor dem Fernseher und guckte mir das Pokalspiel FC Kaiserslautern gegen VfL Bochum an. Nach Verlängerung ging es ins Elfmeterschießen und Sesi macht den entscheidenden Elfer rein. Nachts um drei geht dann mein Telefon; ich dachte schon, da wäre was mit der Mutter und hebe ab– „Dietz?“ „Schindzielorz, Trainer, hab ich das so richtig gemacht?“
Zwischenzeitlich coachte Dietz auch die Profis des VfL Bochum. Nach dem Abgang von Rolf Schafstall wollte der Verein um seinen Präsidenten Werner Altegoer Dietz darüber hinaus langfristig an sich binden; Dietz winkte ab: „Ich saß bei Altegoer im Büro und sagte ihm, er könne mir eine Million auf den Schreibtisch legen – ich würde sie liegen lassen. Die Vereinsstrukturen waren mir zu festgefahren, alles tanzte nach Altegoers Pfeife, der zu jedem Spiel drei Mal in der Kabine auftauchte; vor dem Spiel, in der Halbzeit und nach dem Spiel. Jugendarbeit lag mir dagegen sehr am Herzen, da konnte man etwas bewegen und aufbauen – vor allem zu damaliger Zeit. Heute hast Du als talentierter Spieler einen eigenen Berater, Medientraining und so weiter, da frag ich mich immer nur: Wie willst Du Verantwortung auf dem Platz lernen, wenn Du unter der Woche alles hinten rein geschoben bekommst? Aber das ist alles eine Frage des Geldes, jeder springt dafür. Ich dagegen spiele Fußball aus Leidenschaft. Für mich zählt der Mensch, nicht das Geld.“
Erstmalig als Kapitän der Nationalmannschaft spielte Dietz im Dezember 1978 gegen Holland. Im Vorfeld legte sich Jupp Derwall auf Dietz als Ersatzmann für Spielführer Sepp Maier fest. „Bei der Bekanntgabe der Aufstellung stellte sich heraus, dass Burdenski für Maier im Tor stehen sollte. Da fiel mir ein, dass ich bei dem Spiel Kapitän sein würde. Das konnte ich mir gar nicht vorstellen: Du führst die deutsche Nationalmannschaft in das Stadion vor Millionen von Zuschauern! Da hab ich meine Frau zu Hause angerufen und ihr gesagt: „Pack die Mutter ein und bring die her!“ Die war damals schon über 70 und hatte noch kein einziges Spiel von mir gesehen.“ Das Länderspiel in Düsseldorf endete 3:1 für Deutschland.
Alte Kameraden aus der Nationalelf waren unter anderem Manfred Kaltz,
Rolf Rüssmann, Berti Vogts und Uli Hoeneß, über den Bernard Dietz nur Gutes zu berichten weiß. „Der Uli konnte damals schon immer alles organisieren. Wenn Du mal ein Auto gebraucht hast oder sonst irgend was, musstest Du nur dem Uli Bescheid sagen. Der kannte wirklich Gott und die Welt. Und das merkst Du heute noch. Der Grund, warum der FC Bayern so gut läuft heißt Uli Hoeneß. Da gab es mal so eine Begebenheit, wo eine ältere Dame, die Mitglied beim FC Bayern war, Karten für ein Heimspiel haben wollte und die aus irgendwelchen Gründen nicht bekommen hat. Eines Tages rief diese Dame stocksauer in der Geschäftstelle an und sagte, sie wolle ihre Mitgliedschaft kündigen, sie käme sich auf den Arm genommen vor. Uli Hoeneß lief gerade durchs Büro und hörte nur „Mitgliedschaft“ und „Kündigung“, nahm der Mitarbeiterin den Hörer aus der Hand und sagte: „Hoeneß, [...] die Karten liegen übermorgen in ihrem Briefkasten.“ Die Frau denkt heute noch an dieses Telefonat.“
Seine Erinnerungen an ein bewegtes Fußballerleben sind in seinem Buch „Ennatz Dietz – Vom Straßenfußballer zur Nationalmannschaft“ nachzulesen. Kampf, Leidenschaft und sportlicher Ehrgeiz gehören danach zu den wichtigsten Eigenschaften eines erfolgreichen Fußballers: „Ich kann mit meinen 58 Jahren auf viele schöne Erinnerungen zurückblicken und habe eines gelernt: Der Sport ist immer derselbe. In der Goethestraße in Bockum-Hövel und im EM-Finale vor 48.000 Zuschauern. In der Bundesliga und in der Kreisklasse.“

