Im Auftrag der Fans

21. Dezember 2005

Im Gespräch mit Holger Ballwanz

Pokalschrank: Welche Aufgaben nehmen Sie als Fanbeauftragter für den VfL Wolfsburg war?

Ballwanz: Wie der Name schon sagt, ist die Hauptaufgabe die Fanbetreuung vor Ort, sprich erster Ansprechpartner für Fanbelange zu sein. Außerdem vertrete ich die Fans gegenüber dem Verein und koordiniere Fanaktionen zu einzelnen Spielen, mache die Organisation der Fanfahrten sowie Treffen mit Spielern und Rundumbetreuung unserer Fanclubs.

Pokalschrank: Und nebenbei haben Sie auch noch ein Traineramt…?

Ballwanz: Richtig, ich bin Co-Trainer unserer U19-Bundesligamannschaft. Das lässt sich manchmal alles ein bisschen schwer vereinbaren und deswegen habe ich hier noch einen nebenberuflichen Kollegen, der mich die Woche über ein bisschen unterstützt in Vorbereitung von Heim- und Auswärtsspielen.

Pokalschrank: Sehen Sie sich in Ihrem Amt auf der Seite der Fans, des Vereins oder ist ein Fanbeauftragter eher Mittler zwischen beiden Parteien?

Ballwanz: Das ist das größte Problem eines Fanbeauftragten, der hauptamtlich vom Verein angestellt ist, der sich einerseits um die Belange der Fans kümmern soll und muss, andererseits muss man natürlich die Vereinsinteressen miteinbeziehen. Man ist da in einer „Zwitterposition“, als Vermittler und jemand, der an den Verein etwas heranträgt, was man mit sich vielleicht selber nicht vereinbaren kann, aber in dieser Situation für die Fans arbeitet. Aber ich denke, ich kann in der Kommunikation zwischen Fans und Verein viel Druck herausnehmen, weil ich gute Kontakte habe und auch nutze.

Pokalschrank: Wenn man den jungen VfL, der gerade mal 60 Jahre alt ist mit den Traditionsclubs z.B. aus dem Ruhrgebiet vergleicht – welche Unterschiede ergeben sich für die Arbeit mit den Fans?

Ballwanz: Natürlich – wir werden häufig belächelt auch für die Zahl der Fans, die wir im Stadion haben oder uns zu Auswärtsspielen begleiten, aber das ist für mich eigentlich nebensächlich. Jeder Verein versucht natürlich, seine Tradition aufzubauen und viele haben diese schon seit Jahrzehnten. Wir sind im Begriff, etwas aufzubauen; ich mache den Job schon über vier Jahre hier und ich werde mich auch nicht von irgend einer Linie abbringen lassen, nicht von Kollegen, anderen Vereinen und anderen Fans. Wir werden sicherlich noch mindestens ein oder zwei Jahrzehnte brauchen, bis wir vielleicht annähernd an Traditionsvereine herankommen. Aber trotzdem bin ich sehr optimistisch und irgendwann wird das Stadion hier in Wolfsburg zu jedem Spiel voll sein, da bin ich mir ganz sicher.

Pokalschrank: Nehmen andere Vereine Ihnen den Fan-Nachwuchs weg; tendieren Wolfsburger Jugendliche eher dahin, Bayern-, Dortmund- oder Schalkefans zu werden?

Ballwanz: Klar, Kinder und Jugendliche suchen sich Ihre Lieblingsvereine nach sportlichen Erfolgen aus. Was wir dagegen tun müssen, sind diverse Aktionen für die Kinder wie der Wölfi-Club, um die Kinder an den VfL Wolfsburg heranzuführen. Entscheidend ist: Wann gehe ich das erste mal in ein Bundesliga-Stadion, wann erlebe ich das erste mal Bundesliga-Fußball hautnah? Ich glaube nicht, dass wir hier in Wolfsburg das Problem haben, dass keine Kinder und Jugendliche zu uns ins Stadion kommen, weil sie Schalke- oder Bayernfans sind; das Problem liegt meiner Ansicht nach 50 km und weiter weit weg: Wir sind schon gefragt, über die Grenzen Wolfsburgs hinaus etwas zu tun und Jugendliche zu erreichen, die weiter weg wohnen. Alt Eingesessene von 25 bis 30 Jahren werden Sie dagegen nicht mehr an den Verein bringen.

Pokalschrank: Können Sie diese Tätigkeiten zur Erreichung neuer Fans etwas konkretisieren?

Ballwanz: Wie schon gesagt: Da gibt es einerseits den Wölfi-Club für Kinder von acht bis fünfzehn Jahren, bei dem durch verschiedene Aktionen auch mit Spielern aus dem Profikader Besuche veranstaltet werden; es gibt Spielerabende, Kindergartenbesuche der Spieler und viele Variationen in dem Bereich. Dafür bin ich aber nicht der Hauptverantwortliche, sondern dafür haben wir jemanden im Verein, der solche Events plant.

Pokalschrank: Lässt sich Ihrer Erfahrung nach ein Vereinsvorstand bei der Einstellung bzw. Entlassung von Trainern von den Fans beeinflussen?

Ballwanz: Der Hauptentscheidungsträger ist natürlich der Verein selber. Der Vorstand sieht ja, was im sportlichen Bereich los ist und hat auch den engsten Draht zu den Verantwortlichen. Aber ich denke, dass sich die Vereinsführung hin und wieder schon von eventuellen Protestaktionen der Fans beeinflussen lässt. Offiziell ist das aber die alleinige Entscheidung des Vorstands.

Pokalschrank: Trotz des nach wie vor anhaltenden Booms um Fußball, Bundesliga und die WM leiden einige Vereine zunehmend unter dem Fernbleiben der Fans: Ist das mangelndem sportlichen Erfolg, Missmanagement oder schlechter Fan-PR zuzuschreiben?

Ballwanz: Bei uns fehlt im Moment eindeutig der sportliche Erfolg, wobei bei einigen Spielern fehlende Identifikation erschwerend hinzukommt. Die fühlen sich mit der Stadt und dem Umfeld im Allgemeinen nicht verbunden. Das wiederum schlägt sich bei dem ein oder anderen Fan nieder, der die sportliche Entwicklung hier nicht nachvollziehen und sich mit dieser „bunten“ Mannschaft nicht identifizieren kann. Aber meist ist es der sportliche Erfolg, der fehlt. Als wir letztes Jahr zehn Mal hintereinander Spitzenreiter waren, gab es hier eine große Euphorie – davon ist heute nicht mehr viel von zu erkennen.

Pokalschrank: Stichwort Erfolgsfans: Gibt es viele davon in Wolfsburg?

Ballwanz: Erfolgsfans oder Erfolgszuschauer: Wenn man in der Tabelle oben steht, kommen auch mehr Menschen ins Stadion, die eigentlich keine echten Fan dieses Vereins sind aber dazu bereit, 20 oder 25 Euro für ein Bundesligaspiel auszugeben; wenn hingegen kein sportlicher Erfolg da ist bleiben diese Zuschauer einfach weg.

Pokalschrank: Hatten bzw. haben Sie es in der Position des Fanbeauftragten leichter, weil Sie früher ein prominenter Spieler waren?

Ballwanz: Das will ich nicht unbedingt sagen. Zu Beginn meiner Tätigkeit als Fanbeauftragter hier, habe ich schon gemerkt, dass mir da sehr viel Respekt entgegengebracht wurde und das musste ich dann Schritt für Schritt versuchen, wieder abzubauen. Jetzt, nach knapp fünf Jahren, haben sich die Leute an mich gewöhnt, ich bin ein ganz normaler Typ und jederzeit ansprechbar. Als Ex-Spieler hat man es recht leicht aber man muss den Leuten auch das Gefühl geben, dass man nicht eine Stufe über ihnen, sondern auf Augenhöhe steht.

Pokalschrank: Wie lange wollen Sie das Amt des Fanbeauftragten noch fortführen oder anders gefragt: welche Herausforderungen warten auf Sie in der Zukunft?

Ballwanz: Ich habe mir zum Ziel gesetzt, dass ich nicht mehr mit 50 Jahren auf diesem Posten sitzen möchte und ich bin jetzt 38. Man merkt auch immer mehr, dass einige jüngere Fans mich gar nicht mehr als ehemaliger Spieler in Erinnerung haben, sondern nur als Fanbeauftragten kennen. Je älter man wird, umso schwieriger hat man den direkten Bezug zu den Fans, insofern: ich kann mir das mit 50 nicht mehr vorstellen. Mein Ziel ist es, in den Trainerbereich zu gehen, wobei die Perspektive für mich eindeutig hier beim VfL Wolfsburg zu finden ist.

Pokalschrank: Letzte Frage: Wohin führt der Weg des VfL?

Ballwanz: Gute Frage. Zunächst müssen wir zusehen, dass wir in der Tabelle nicht noch weiter abrutschen und den Abstieg vermeiden können. Sollte uns das gelingen, muss in der nächsten Saison versucht werden, junge und erfolgshungrige Spieler hier hin zu holen. Sportlich gesehen muss jeder, der hier spielt, sich zum Verein bekennen und mit Herz und Seele zum VfL Wolfsburg stehen: „ich spiele für die Stadt, ich fühle mich wohl hier.“
Dann denke ich auch, dass in den kommenden Jahren Platz fünf oder vier erreicht werden kann. Das wichtigste ist, dass jeder Spieler sein ganzes Potential für die Mannschaft und den Verein ausschöpft: das ist die eigentliche Basis für den Erfolg. Als wir vor sieben Jahren als sechster die Saison abschließen konnten, gab es eben diese Truppe, die zusammengehalten und alles für den Verein gegeben hat. Das geht einem ein bisschen ab, wenn man das heute hier so sieht…

Pokalschrank:Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person:

Holger Ballwanz wurde am 7. September 1967 geboren und begann seine Karriere 1989 beim HSV. Nach drei Spielzeiten wechselte der Allrounder, der sowohl in der Abwehr als auch im Mittelfeld spielte, zum VfL Wolfsburg. Mit den „Wölfen“ konnte Ballwanz 1995 das Finale des DFB-Pokals erreichen, unterlag aber gegen die Borussia aus Mönchengladbach mit 0:3. Die letzte Saison seiner Karriere bestritt Ballwanz 2000/ 2001 bei Hannover 96. Insgesamt bestritt er 97 Erstliga- und 146 Zweitligaspiele und konnte dabei 16 Tore erzielen.