»Gerechtigkeitssinn ist dringend erforderlich«
18. September 2005Im Gespräch mit Hellmut Krug
Auf der Suche nach charakterstarken Persönlichkeiten stößt man unweigerlich auf die Gilde der Schiedsrichter. Zwar hat jede Elf im deutschen Profifußball den ein oder anderen Spieler mit Format; Charakterstärke ist allerdings vor allem kennzeichnend für einen guten Schiedsrichter – erzählt uns Hellmut Krug, ehemaliger FIFA-Referee und aktuell beim DFB Abteilungsleiter für Schiedsrichter.
Pokalschrank: Hatten es die Schiedsrichter früher einfacher als heute?
Krug: Natürlich ist die Aufgabe der Schiedsrichter heute schwieriger geworden. Das hängt zum einen mit der im Vergleich zu früheren Jahren zunehmenden Schnelligkeit des Spiels zusammen. Und zweitens –ein ganz wichtiger Gesichtspunkt – hat der Druck durch die mediale Präsenz, aber auch durch die immensen, finanziellen Mittel in erheblichem Maße zugenommen. Bedingt durch diesen Druck haben es die Schiedsrichter sehr viel schwerer als früher.
Pokalschrank: Wie stehen Sie zum Chipball und dem Videobeweis? Erleichtert es die Arbeit oder setzen diese Instrumente die Qualitätsanforderungen an Schiedsrichter herab?
Krug: Es kann keinem Schiedsrichter daran gelegen sein, bei der Feststellung der Torerzielung möglicherweise einen Fehler zu begehen. Daher würde der Chip im Ball, vorausgesetzt die Technik würde funktionieren, die Schiedsrichter sicherlich entlasten Wir müssen aber zunächst einmal abwarten, wie weit sich die Technik entwickelt. Und in dieser Hinsicht sind wir eher skeptisch. Beim Tennis beispielsweise müssen wir seit Jahren erleben, dass das ‚magische Auge’ aufgrund von technischen Mängeln abgestellt werden muss. Wenn die Sache mit dem Chip im Ball perfekt funktionieren würde, wäre es ohne Zweifel eine Hilfe, auf die die Schiedsrichter gerne zurückgreifen würden.
Alle anderen technischen Mittel wie der Videobeweis, der in der Öffentlichkeit immer wieder gefordert wird, sind an so viele Hindernisse und unbeantwortete Fragen geknüpft, dass er nach allem was wir wissen und diskutiert haben, nicht praktikabel ist.
Pokalschrank: Welche charakterlichen Eigenschaften muss ein erfolgreicher Schiedsrichter vorweisen?
Krug: Natürlich in erster Linie Gerechtigkeitssinn. Aber er muss auch Durchsetzungsvermögen mitbringen, Persönlichkeit haben. Persönlichkeit müssen die meisten jungen Schiedsrichter im Laufe der Jahre aber erst entwickeln. Denn nicht jeder Schiedsrichter ist von vornherein eine Persönlichkeit. Außerdem braucht er eine Menge Mut und muss in jeder Hinsicht konsequent sein. Kritikfähigkeit ist eine weitere wichtige Eigenschaft. Denn ein Schiedsrichter, der mit Kritik nicht umgehen kann, wird sich nie oder zumindest nur unzureichend weiterentwickeln.
Und schlussendlich muss ein Schiedsrichter heutzutage auch in zunehmendem Maße Psychologe sein. Ein Schiedsrichter muss sich in die Spieler hineinversetzen können, um seine Maßnahmen situationsangemessen steuern zu können und damit einen geeigneten Zugang zu den Spielern zu finden.
Pokalschrank: Auf Deutsch: Fingerspitzengefühl…
Krug: Na ja. Mit dem Begriff Fingerspitzengefühl tun wir uns mittlerweile etwas schwer, weil diese Eigenschaft immer dann vom Schiedsrichter eingefordert wird, wenn Nachsicht gewünscht ist. Aber das ist mit diesem Begriff nicht gemeint. Ein Schiedsrichter muss ein Gespür für eine Spielsituation entwickeln und aus diesem Gespür, seinen Erkenntnissen, Wahrnehmungen und seiner Erfahrung heraus richtig entscheiden. Fingerspitzengefühl ist beim Schiedsrichter immer nur dann gefragt, wenn er mit Situationen konfrontiert wird, deren Einordnung nicht eindeutig ist. Zum Beispiel, wenn nach der Schiedsrichterentscheidung ein Spieler den Ball unsportlich weggekickt. Der Schiedsrichter muss dann beurteilen, ob er diese Aktion des Spielers bereits als verwarnungswürdige Unsportlichkeit einstuft oder es vertretbar noch bei einer Ermahnung belässt. Ähnlich ist es bei einem Foul, für das nicht zwingend eine Verwarnung ausgesprochen werden muss. Das sind Situationen, in denen der Schiedsrichter einen bestimmten Ermessensspielraum hat. Dann spielt Fingerspitzengefühl, das Gefühl für die Situation, eine Rolle. Was klare regeltechnische Sachverhalte (zum Beispiel „Notbremse“) angeht, hat der Schiedsrichter keinen Ermessensspielraum, Fingerspitzengefühl darf dann keine Rolle spielen. Da muss er nach dem Regelwerk entscheiden.
Pokalschrank: Müssen Schiedsrichter besser geschützt werden? Der Kollege Anders Frisk hat nach einem Champions League Spiel in der letzten Saison, nachdem er massiven Drohungen ausgesetzt wurde, seinen Job an den Nagel gehängt…
Krug: Der Schutz auf dem Platz ist sicherlich kaum noch zu verbessern. Irgendwelche fehlgesteuerte Individuen, die meinen, Geldstücke und Feuerzeuge auf das Spielfeld werfen zu müssen, wird es immer geben.
Der Schutz, der verbessert werden sollte, betrifft eher die Personen aus dem direkten Umfeld des Schiedsrichters. Um beim Beispiel Anders Frisk zu bleiben: Damals war es der Chelsea-Trainer Mourinho, der an vorderster Front Anders Frisk attackiert hat. Und Personen, die so einen Teil ihres Traineramtes verstehen, sollten sich darüber im Klaren sein, dass ihre Äußerungen „blinde“ Fans dazu veranlassen können, den Schiedsrichter massiv zu bedrohen. An dieser Stelle sollte der Schutz für die Schiedsrichter verbessert werden. Solche Personen müssen gezwungen werden, sich sehr viel moderater und vernünftiger in der Öffentlichkeit zu verhalten. Denn gerade diesen Fachleuten sollte klar sein, dass kein Schiedsrichter bewusst Fehler macht. Der fehlende Schutz hat ja schlussendlich dazu geführt, dass Anders Frisk seine erfolgreiche Karriere abrupt beendet hat. Und für diese Entscheidungen Frisks, die er angesichts der massiven gegen ihn ausgesprochenen Bedrohungen getroffen hat, waren schlussendlich nur die Äußerungen von besagtem Trainer Mourinho verantwortlich..
Pokalschrank: Wie stehen Sie heute zur Bestechungsaffäre um Robert Hoyzer und was hat der DFB daraus gelernt?
Krug: Die Bestechungsaffäre ist sicherlich ein sehr unrühmliches Kapitel in der Geschichte der Schiedsrichter. Es ist aber leider passiert und wir mussten die schmerzhafte Erfahrung machen, dass es Unregelmäßigkeiten nicht immer nur in anderen Ländern gibt, sondern bedauerlicherweise auch bei uns. Trotzdem sind wir davon überzeugt, dass dies ein einmaliger Fall war, der so auch nie wieder vorkommen wird. Dennoch haben wir natürlich, auch wenn wir ausschließen, dass so etwas noch einmal passiert, verschiedene Vorsorgemaßnahmen getroffen. Unter anderem haben wir ein ganz neues Betreuungsmodell für unsere viel versprechendsten Schiedsrichtertalente entwickelt. So werden die Schiedsrichter, die heute in der Juniorenbundesliga Spiele leiten und zum Teil sicher einmal in naher Zukunft in die Bundesliga aufsteigen werden, von uns nunmehr viel intensiver betreut, als dies früher der Fall war. Von diesem Modell versprechen wir uns sehr viel für die zukünftig Entwicklung der Schiedsrichter.
Pokalschrank: Was haben Sie persönlich durch Ihren Beruf als Schiedsrichter gelernt und was haben Sie aus Ihrer Karriere in Ihr Privatleben mitgenommen?
Krug: Ich glaube, dass nichts einen Menschen so sehr formen kann, wie eine Schiedsrichtertätigkeit über viele Jahre. Ich habe persönlich sicherlich gelernt, wie wichtig es ist, sich durchzusetzen, aber auch, dass man erst mit dem Schwierigkeitsgrad der Aufgaben wächst. Dass man sich mit einem fanatischen Umfeld auseinandersetzt, trotz 100.000 enthusiastischer Zuschauer selbstbewusst auftritt, sich durchsetzt gegen die Medien, gegen Spieler und schwieriges Umfeld.
Pokalschrank: Sehen Sie Ihren Berufsstand in den Medien ausreichend unterstützt oder sind die Schiedsrichter ein notwendiges Übel?
Krug: Als notwendiges Übel werden wir sicher nicht mehr behandelt, weil jeder weiß, dass ein Spiel nicht ohne Schiedsrichter ausgetragen werden kann. Bedauerlich ist allerdings, dass die Schiedsrichter immer noch für Fehlleistungen von Spielern, Mannschaften oder Clubs herhalten müssen. Das ist sicherlich inakzeptabel, aber offensichtlich ungemein schwer aus der Welt zu schaffen. Wir müssen daher ständig weiter darum kämpfen, Verständnis für Schiedsrichterentscheidungen zu wecken, wir müssen weiterhin entschieden der Auffassung entgegentreten, die Schiedsrichter würden mutwillig irgendwelche Entscheidungen treffen. Es ist eine nie enden wollende Arbeit, den Schiedsrichter in der Öffentlichkeit so zu präsentieren, dass er nicht nur anerkannt wird, sondern dass auch Fehler, die unvermeidlich sind und nie vollkommen zu verhindern sein werden, auf Verständnis stoßen.
Pokalschrank:Vielen Dank für das Gespräch!
Zur Person:
Hellmut Krug wurde am 19. Mai 1956 in Gelsenkirchen geboren und studierte Sport und Griechisch an der Ruhr-Universität Bochum. Zwischen 1986 und 2003 leitete er 240 Bundesliga-Begegnungen. 1991 wurde er zum FIFA-Schiedsrichter berufen und pfiff in den darauf folgenden zehn Jahren 29 Länderspiele. Krug nahm an der Weltmeisterschaft 1994 in den USA und der Europameisterschaft 1996 in England teil und leitete außerdem 50 Europapokalspiele.
Höhepunkte seiner Karriere waren das DFB-Pokal-Finale zwischen Kaiserslautern und dem Karlsruher SC (1:0) sowie das Champions League Finale 1998 zwischen Real Madrid und Juventus Turin (1:0). Hellmut Krug wurde in den Jahren 1994, 1999 und 2002 zum Schiedsrichter des Jahres gekürt.