Frauen, Medien und Gesellschaft
30. Juni 2005Im Gespräch mit Birgit Prinz und Nia Künzer
Wir treffen die beiden im Frühsommer 2005 in Frankfurt nach einem Heimsieg gegen Sindelfingen.
Pokalschrank: Birgit, Du hast Dir kürzlich ehemalige Kriegsschauplätze in Afghanistan angesehen. Welchen Hintergrund hatte dieser Besuch?
Prinz: Ich war da als Botschafterin für die Afghanistan-Hilfe. Diese Organisation hat dort ein Projekt laufen, das sich ‚learn&play’ nennt. Dabei geht es darum, Kinder von der Straße zu holen, ihnen das Spielen beizubringen und sie in die Schule zu schicken. Unter den Kindern ist eine immense Motivation zu spüren und für sie ist das eine tolle Chance.Für mich ist es wichtig, den Kindern ein Anreiz zu sein, damit sie eine Zukunft haben. Und das geht nur über Bildung. Der Fußball ist dabei nur Mittel zum Zweck.
Pokalschrank: Mit steigender Popularität wächst automatisch das Medieninteresse und damit das Potential, Vorbild zu sein. Werdet Ihr dabei seitens der Medien auf den Sport reduziert oder auch nach Euren persönlichen Anliegen befragt?
Künzer: Solange ich als öffentliche Person in Thematiken eingebunden werde, die mich interessieren, komme ich mit den Medien gut klar. Dazu zählen soziales Engagement, Arbeit mit Kindern usw. Das mache ich auch in meinem Studium (Diplom-Pädagogik; Anm. d. Red.) und das macht dann auch Freude, mich dabei zu engagieren. Es gibt natürlich auch Promi-Aktionen, die mir auch Spaß machen, für mich aber nicht im Vordergrund stehen.
Prinz: Ich kann meine Werte auch im Fußball rüberbringen und denke, dass ich mein Privatleben da nicht ausbreiten muss. Den Medien gebe ich eigentlich keine Chance, Einblick in mein Privatleben zu nehmen.
Pokalschrank: Die Medien erwarten aber ständige Bereitschaft für Interviews und für deren Belange zu Verfügung zu stehen. Welche Erwartungen hast Du denn an die Medien?
Prinz: Für den Frauenfußball wünsche ich mir natürlich eine gute und auch ausgeprägte Berichterstattung, damit das Interesse wächst und sich der Sport immer besser vermarkten kann. Ich persönlich bin aber ganz froh, wenn die Medien mich mal in Ruhe lassen und sich auf jemand anderen konzentrieren.
„Ich bin ganz froh, wenn die Medien mich mal in Ruhe lassen…“
Birgit Prinz
Pokalschrank: Die deutsche Frauenbundesliga wird als stärkste der Welt betrachtet. Seht Ihr denn für Euch noch Entwicklungspotential und wäre ein Wechsel ins Ausland sportlich gesehen eine Herausforderung?
Prinz: Das Problem der Liga ist, dass die Ausgeglichenheit fehlt. Es gibt schon Spitzenmannschaften wie Duisburg, Potsdam und uns, was wiederum für den Zuschauer nicht so interessant ist. Das Ausland wäre für mich schon reizvoll und zum Ende der Karriere wollte ich das auch angehen. Das ist schließlich auch eine Lebenserfahrung, ich hätte die Chance, vielleicht noch mal eine andere Sprache zu lernen, Menschen und Mentalität kennen zu lernen und das finde ich spannend.
Künzer: Damit das Interesse an der Liga gesteigert wird, müssen die anderen Teams und auch die zweite Liga eben noch ein bisschen zulegen. Es sind viele Details, aus denen sich das zusammensetzt: Die Professionalität muss stimmen, das Umfeld und das Stadion, Trainingsmöglichkeiten, Interesse bei den Zuschauern, Anregung von Fernseh-Übertragungen usw. Duisburg ist dafür ein tolles Beispiel. Die haben durch konsequente Jugendarbeit eine starke Mannschaft zusammen gestellt. Die drei ‚großen’ haben da sicherlich eine Vorbildfunktion und auch der DFB bemüht sich. Alles in allem muss das Engagement sicherlich noch größer sein. Das Ausland ist für mich aber im Moment kein Thema.
Pokalschrank: Wen bewundert Ihr, bzw. was sind eure Vorbilder?
Künzer: Gute Frage. Also sportlich fand ich Doris Fitschen ganz gut, weil die früher auf meiner heutigen Position gespielt hat. Als wir dann später in einer Mannschaft waren, galt sie aber dann nicht mehr als Vorbild, sondern als Mitspielerin. Renate Lingor aus unserer Mannschaft ‚bewundere’ ich noch, weil die technisch unglaublich beschlagen ist.
Außerhalb des Sports gibt es allerdings Menschen, die ich noch mehr bewundere. Wen ich z.B. sehr gerne mal treffen möchte, ist Nelson Mandela. Wenn mir irgend einer sagt, den könnte ich treffen; dafür würde ich, glaube ich, überall hinreisen.
„Außerhalb des Sports gibt es Menschen, die ich noch mehr bewundere…“
Nia Künzer
Prinz: Das klassische Vorbild habe ich eigentlich nicht. Ich finde viele ‚normale’ Menschen spannend, die in ihrem Bereich etwas gut können, Leute bei denen ich das Gefühl habe, ich könnte etwas von ihnen lernen. Wenn ich Menschen kennen lerne und ich merke, die sind mir hier und da überlegen, finde ich das spannend.
Pokalschrank: Welche gesellschaftlichen Werte sollten Kindern heutzutage wieder vermehrt vermittelt werden?
Prinz: Was sind gesellschaftliche Werte? Ich finde es wichtig, dass man Kindern Toleranz und Selbstbewusstsein vermittelt. Sie müssen bestimmte Tatsachen und andere Meinungen akzeptieren können und trotzdem sich ihrer selbst sicher sein.
Künzer: Respekt, Höflichkeit, Anstand und der Umgang miteinander sind ganz wichtige Dinge. Manchmal vermisse ich auch so ein bisschen die Gelassenheit in gewissen Stresssituationen. Man sollte lernen, bestimmte Sachen einfach lockerer zu sehen; zu sagen: Gut, ich bin jetzt zwar im Stress, aber ändern kann ich das jetzt nicht. Ist jetzt kein Weltuntergang. Macht mal langsam. Gut: Moral, Ethik und so Sachen hören sich toll an, aber der Umgang miteinander sollte vor allem funktionieren.
Pokalschrank: Wie seht Ihr die aktuelle politische Situation in Deutschland – was muss sich in der neuen Legislaturperiode ändern?
Künzer: Ich kann einerseits gut verstehen, dass sich angesichts der schlechten Stimmung im Lande, die einem ja teilweise eingeflößt wird, viele die komplette politische Wende wünschen. Andererseits wird auch die neue Regierung nicht die Lösung für unsere Probleme aus dem ‚Nichts’ hervorzaubern können. Ich hoffe einfach, dass die Stimmung im Land mal wieder eine andere wird. Natürlich ist es für viele schwer geworden ohne Job und mit Hartz IV. Aber noch geht es uns in Deutschland vergleichsweise gut, so dass wir nicht in tiefste Depressionen verfallen dürfen. Wenn man nur ein bisschen über den Tellerrand schaut, lernt man schätzen, wie es uns hier geht und wie man hier abgesichert ist.
„Es geht uns in Deutschland noch vergleichsweise gut, so dass wir nicht in tiefste Depressionen verfallen dürfen“ Nia Künzer
Prinz: Vor allem erhoffe ich mir zukünftig eine klare Linie. Auch wenn unpopuläre Entscheidungen getroffen werden müssen; Hauptsache es geht nach vorne. Wenn man anschaut, was da in der jüngsten Vergangenheit bewegt worden ist…die Parteien sind nur mit sich selbst beschäftigt und schimpfen auf den politischen Gegner. Viel Dynamik gab es da nicht.
Pokalschrank: Mal abgesehen von Popularität, ‚Berühmtheit’ und Erfolgen: Was nehmt Ihr nach Eurer sportlichen Karriere als persönliche Werte mit; inwiefern hat Euch der Fußball als Menschen geprägt?
Prinz: Für mich waren die Erlebnisse im Team sehr wichtig. So eine Gruppendynamik erlebst Du sonst nirgendwo. Was das Private angeht: Durch die Fußballkarriere habe ich mich gut kennen gelernt. Ich weiß heute, was ich will und was nicht. Das kommt daher, dass Du im Leistungssportbereich viel extremer lebst. Emotionen kriegt man hier viel intensiver mit als im ‚normalen’ Leben.
„Durch die Fußballkarriere habe ich mich gut kennen gelernt.“ Birgit Prinz
Künzer: Seit ich 15 bin, bin ich in der halben Welt rumgekommen, wofür ich dankbar bin und was in meinem Alter sicher nicht jeder von sich behaupten kann. Ich habe schon tolle Erfahrungen machen dürfen, für die ich aber viel Zeit opfern musste, die ich dann für meine Familie und meine Freunde nicht hatte.
Ansonsten habe ich gelernt, wie Menschen in Krisen- und Erfolgssituationen reagieren, wie es ist, Erfolg zu haben oder wie es ist wenn andere Erfolg haben. Da waren absolute Highlights dabei. Außerdem habe ich im Fußball richtig gute Freunde kennen gelernt. Und das alles kann mir für mein weiteres Leben nur hilfreich sein.
Pokalschrank: Vielen Dank für das Gespräch!
Zur Person Birgit Prinz:
Birgit Prinz wurde am 25. Oktober 1977 in Frankfurt am Main geboren und hat den Beruf der Physiotherapeutin gelernt.
Im Jahr 2003 wurde sie Weltmeisterin, 1995 Vize-Weltmeisterin. Im selben Jahr wurde sie Europameisterin 1995, genauso wie später 1997 und 2001
In den Jahren 1995, 1998 (FSV Frankfurt), 1999, 2001, 2002 und 2003 (1. FFC Frankfurt) wurde sie deutsche Meisterin, deutsche Pokalsiegerin 1995, 1996 (FSV Frankfurt), 1999, 2000, 2001, 2002 und 2003 (1. FFC Frankfurt). Außerdem konnte sie 2002 den UEFA-Cup gewinnen und wurde in den Jahren 2003 und 2004 zur Weltfußballerin des Jahres gewählt.
Zur Person Nia Künzer:
Nia Künzer wurde am 18. Januar 1980 in Mochudi/ Botswana geboren und studiert zur Zeit Diplompädagogik.
Nia spielte beim VfB Gießen und Eintracht Wetzlar, bevor sie 1997 zum FFC Frankfurt kam. Hier wurde sie 1999, 2001, 2002 und 2003 deutsche Meisterin, holte den DFB-Pokal 1999 bis 2003 und gewann den UEFA-Cup im Jahre 2002. Besonders in Erinnerung geblieben ist sie als Schützin des Golden Goals im WM-Finale 2003 gegen Schweden.