Ewige Klassiker im Vergleich zu heute

20. März 2005

Im Gespräch mit Michael Rummenigge

Am Rande einer Messe trafen wir Michael Rummenigge am 9. Juni in seiner Soccerhalle in Münster und sinnierten mit ihm über den Zustand der deutschen Nationalelf…

Zugegebenermaßen hinkt der Vergleich, trotzdem wollten wir wissen: Lassen sich die erfolgreichen Mannschaften von 1974, 1990 mit der Elf von heute vergleichen?

Auf den ersten Blick fällt auf, dass die Abwehr von ´74 einen Libero und Vorstopper vorsah, was heute als überholt gilt. In Mode ist eine Abwehrkette, die es - optimal eingestellt - vermag, den so sturmfreudigen Gegner des öfteren Abseits zu stellen. Trotzdem ist eine Abwehr genauso wie damals dazu da, den Gegner nicht auf das eigene Tor schießen zu lassen. Gehen wir also über diesen Unterschied mal elegant hinweg.

Die siegreiche Mannschaft gegen die Niederlande im Endspiel 1974 agierte mit dem später als „Terrier“ liebevoll bezeichneten Verteidiger Hans-Hubert Vogts, dem auf dem Platz selten jemand gesund entkommen konnte, dazu Paul Breitner und Georg Schwarzenbeck – beide bei der Arbeit stets genauso charmant. 1990 war der Inbegriff des Abwehrbollwerks der Schwabe Buchwald, dem zu eigen war, immer dahin zu gehen, wo es richtig wehtut.

Wir haben nur zwei internationale Topspieler: Ballack und Kahn.“

Auch Michael Rummenigge sieht in der Abteilung ‚Verteidigung’ den Schlüssel zum erfolgreichen Spiel: „Es war immer das Hauptaugenmerk, dass Deutschland eine starke Abwehr hat und da muss noch einiges passieren, da liegen meiner Meinung nach die Probleme. Die Spiele werden meist aus der Abwehr heraus gewonnen und da haben wir zu junge und unerfahrene Spieler wie Per Mertesacker;, leider gibt es in Deutschland aber keine anderen, also müssen wir auf die, die wir haben setzen. Vielleicht wäre Christian Wörns noch eine Alternative. Alles in allem bin ich aber zuversichtlich, dass wir das Abwehrproblem in den verbleibenden 12 Monaten noch lösen werden

Das Mittelfeld bot ehedem die Spieler Ulrich Hoeneß, Rainer Bonhof und Wolfgang Overath auf, die durch kreative Unterstützung von Spielgestalter Franz Beckenbauer, das Spiel nach vorne zu treiben wussten. 1990 besorgten „Icke“ Häßler, Andreas Brehme und Uwe Bein diesen Job. In Bezug auf heute ist unser Gesprächspartner ganz gelassen: „>Wir haben ein Topmittelfeld und gute Stürmer, Jungs mit Perspektive, von Kuranyi bis Podolski sehr junge Spieler.Allerdings haben wir nur zwei internationale Topspieler: Ballack und Kahn.

>Der Sturm der 74er-Elf bestand aus Bernd Hölzenbein, Jürgen Grabowski und natürlich der Tormaschine Gerd Müller. In Rom schoss Rudi Völler zusammen mit Jürgen Klinsmann auf das gegnerische Tor. Wünschenswert wäre für 2006 den erfrischenden Sturmdrang Lukas Podolskis in Verbindung mit Miroslav Klose und Kevin Kuranyi zu erleben. Vielleicht kann Mike Hanke aber auch zu einer konstant guten Form finden und zu einer echten Alternative werden.

Blockbildung halte ich für unabkömmlich.“

Für den Erfolg der Mannschaften von ´74 und ´90 ist für Rummenigge die Blockbildung von entscheidender Bedeutung. „Beim Testspiel gegen Russland (am 8. Juni in Mönchengladbach, Endergebnis 2:2; Anm. d. Red.) haben wir in der zweiten Spielhälfte gesehen, dass das ganze Mittelfeld von den Münchner Bayern kam. Auf so eine Blockbildung sollte man wieder setzen. 1974 war Mönchengladbach auch noch sehr stark und fast die ganze Nationalmannschaft wurde aus diesen beiden Vereinen zusammengeführt. Auch deswegen sind wir 1974 und 1990 Weltmeister geworden und weil wir wenig Tore bekommen haben. Womit wir wieder bei der Abwehr wären…Blockbildung halte ich für unabkömmlich.

Ich denke, das Viertel- oder Halbfinale wäre schon ein Riesenerfolg“

Auf die Frage nach dem Sinn der aktuellen Diskussion um die Blockbildung aus Spielern des FC Bayern München in der Nationalmannschaft, entgegnet Rummenigge: „Bis jetzt ist die deutsche Nationalmannschaft mit einem Block von Bayern München immer gut gefahren. Gäbe es Spieler von anderen deutschen Vereinen, könnte man von mir aus auch auf Schalke oder Bremen setzen, aber seit 30 Jahren ist es so, dass die Blockbildung vom FC Bayern kommt. Warum auch nicht: Wenn wir Weltmeister werden können… Das halte ich aber für sehr schwierig. Ich denke, das Viertel- oder Halbfinale wäre schon ein Riesenerfolg. Viele reden zwar vom Titel, aber ich bin da eher Realist. Wenn wir soweit kommen würden – sicherlich ein Riesenschritt.

Im Laufe des Gesprächs kamen wir natürlich auch auf den Vereinsfußball zu sprechen. Wir wollten Rummenigges Einschätzung zur finanziellen Konzentrierung in bestimmten europäischen Clubs, wie Chelsea oder ZSKA Moskau erfahren und waren gespannt, ob er deutschen Vereinen langfristig gesehen Konkurrenzfähigkeit auf europäischer Ebene zutraut.

 

Ich halte das, was der FC Bayern in der Champions League macht, für weitaus ehrenhafter“

Der Wettbewerb ist ja eigentlich ein anderer. Abramovich bringt die Millionen, von denen keiner weiß, wo sie herkommen. Die Bayern erarbeiten sie sich im wirtschaftlichen Bereich, vom Merchandising über die Fernsehgelder bis hin zu den Stadioneinnahmen. Dieser Wettbewerb ist ungleich schlechter und ich finde, dass der FC Bayern in der Champions League keinen Deut schlechter war als der FC Chelsea, von daher halte ich das, was der FC Bayern in der Champions League macht für weitaus ehrenhafter. Ich habe heute noch gelesen, dass Abramovich 310 Millionen seit der Übernahme in den Verein gesteckt hat. Ist ja auch sein gutes Recht und eine neue Variante des Sponsorings bzw. des Mäzenatentums, wie man es aus Deutschland aus früheren Zeiten kannte. Das sind natürlich ganz außergewöhnlich Summen, die da im Spiel sind und das macht den europäischen Fußball sicherlich interessanter, wobei die Gefahr natürlich darin besteht, dass sich die Spieler dort verpflichten, wo sie am höchsten bezahlt werden.

“Ich halte es aber wirklich nicht für schlecht, was Abramovich da macht, irgendwie ist der Fußball eben sein Spielzeug”

Wenn der FC Bayern sich selbst vermarkten würde, würden sie sicherlich viel mehr Geld verdienen als über die Zentralvermarktung. Viele vergessen aber, dass der FCB genau weiß, dass er nicht allein in der ersten Liga spielt und spielen kann. Wenn jeder Club ein angemessenes Start- und Platzierungsgeld bekommt, denke ich, ist diese Solidarität schon in Ordnung. In anderen europäischen Ländern wie Spanien, Italien, Frankreich und England ist das nicht so

Zum Ende unseres Gesprächs sprechen wir noch kurz über die leidliche Frage nach einem Zuschlag für ein WM-Ticket. Zwar hätte er sich auf offiziellem Wege darum bemüht, aber auch nichts bekommen. Allerdings bleibt er zuversichtlich, dass er über seinen Partner adidas oder den DFB doch noch zum ein oder anderen Stadionbesuch kommt…