„Ich habe mich darüber gefreut, dass ich Fußball spielen konnte“

10. April 2005

Im Gespräch mit Doris Fitschen

Pokalschrank: Frau Fitschen, im Augenblick sind sie im Auftrag des DFB damit beschäftigt, Sponsoren für dessen Fußballmannschaften zu finden. Welche Pläne haben Sie für die Zukunft, vielleicht eine Karriere als Trainerin oder Offizielle im deutschen Fußball? Sie haben ja schliesslich auch den Trainerschein gemacht…

DF: Ich habe mich jetzt erst mal für diese Laufbahn entschieden, also die etwas theoretischere und meinen Traum von einer Karriere als Trainerin im Fußball erst mal hinten angestellt. Ich lasse das auf mich zukommen. Es ist so im Frauenfußball, dass es immer noch ein Hobby ist, es sei denn man arbeitet im Verband, also beim DFB, aber wenn ich einen Bundesligisten trainieren würde, wäre das immer nebenberuflich und das ist mir zur Zeit einfach “too much”. Das hatte ich 20 Jahre lang, dass ich jeden Abend auf dem Sportplatz stand.

Pokalschrank: Das Verbot von Frauenfußball ist ja erst vor 35 Jahren aufgehoben worden. Als Sie damals als eine der ersten damit angefangen haben – sind sie dafür anfangs belächelt worden; hat man Sie persönlich ernst genommen?

“Dass die Männer mehr Geld verdient haben und ,erfolgreicher’ waren, hat mich nicht so gestört”   

DF: Mich persönlich hat man ernst genommen. Ich hatte damals eben mit den Jungs gespielt und die haben gesehen, dass ich einigermaßen gut spielen konnte, insofern wurde ich dort akzeptiert und war ein vollwertiges Mitglied in den Teams, in denen ich gespielt habe. Aber natürlich war das in der Zeit eben schon noch so, das der Frauenfußball belächelt wurde oder das diese typischen Sprüche mit dem Trikottausch kamen. Heute ist das ganz anders, aber früher war das ganze schon ziemlich extrem. Sonst hatte ich damit aber keine Probleme. Ich habe bei einer Mädchenmannschaft gespielt und mich darüber gefreut, dass ich Fußball spielen konnte. Das die Männer mehr Geld verdient haben und “erfolgreicher” waren, hat mich nicht so gestört, ich habe diese Entwicklung mitgemacht und war einfach zufrieden, mein Können in einer Mannschaft unter Beweis zu stellen…

Pokalschrank: Sie haben durch ihre 144 Länderspiele einen erheblichen Beitrag zum Erfolg des internationalen Frauenfußballs geleistet. Wird Ihnen dafür der gebührende Respekt entgegengebracht?

DF: Ja. Ich merke das schon, wenn ich sage, dass ich so lange Nationalmannschaft gespielt habe, das die Leute sehr respektvoll sind und seitdem die Nationalmannschaft auch populärer geworden ist, merkt man auch dass das heute als mehrwertig angesehen wird als es vor 10 oder 15 Jahren der Fall war. Die Leute wundern mich schon manchmal ein bisschen.

Pokalschrank: Fußballspielende Männer mit vergleichbarem Erfolg haben natürlich Geld wie Heu und sind dementsprechend berühmt. Kommen bei Ihnen vor diesem Hintergrund ab und zu Gefühle der Verbitterung hoch?

DF: Nein, Verbitterung nicht. Ich habe ja vorhin schon mal gesagt: Ich war mit meinen neun Jahren froh, überhaupt spielen zu können, weil es davor diese Möglichkeit eben noch nicht gab und das hat sich eben alles entwickelt und ich habe auch die ersten Jahre, in denen ich Nationalmannschaft gespielt habe und selbst, als ich Europameisterin geworden bin, nicht geändert. Ich habe keinen Pfennig mit Fußballspielen verdient, noch nicht mal Fahrgeld bekommen. Das hat sich dann nach und nach entwickelt und später konnte ich mein Studium davon finanzieren und deswegen habe ich das auch immer positiv gesehen. Andererseits hat es mich dann trotzdem immer geärgert wenn ich gesehen habe, dass die Männer für ihre Leistung, die sich nur auf das Fußballspielen bezog wesentlich mehr Geld bekommen haben. Die mussten neben dem Fußballspielen kein Geld mehr verdienen und kein Studium mehr machen und das war manchmal ärgerlich. Aber eigentlich habe ich mich darüber gefreut, dass sich das bei den Frauen entwickelt.

„Ich habe mich darüber gefreut, dass sich das bei den Frauen entwickelt.“

Pokalschrank: Wenn Sie heutzutage Ihre Karriere begännen, gibt es etwas, das Sie anders machen würden?

DF: Ich glaube nicht. Vielleicht ein paar Kleinigkeiten, aber so spontan… Den Vorteil, den die Männer immer hatten war, das sie mit dem Fußball viel Geld verdienen konnten. Ich war Amateurin, habe nebenbei gearbeitet und studiert und in ganz anderen Bereichen meine Erfahrungen gesammelt. Wenn es im Fußball mal nicht so gut lief, hatte ich im Studium einen Ausgleich oder beim Job oder im Privaten und das war für mich schon ein Vorteil und ich habe da viele Erfahrungen gesammelt in dieser Zeit und die möchte ich nicht missen. Auch schlechte Erfahrungen, aber selbst die möchte ich nicht missen.

Pokalschrank: Haben Sie eine Prognose, in welchen Ländern der Frauenfußball zukünftig die aussichtsreichste Perspektive haben wird?

DF: Wir hatten ja alle gedacht, dass das in den USA der Fall ist, aber da ist die Liga ja leider pleite gegangen. Zur Zeit sieht es wohl so aus, als das Deutschland und Schweden die führenden Nationen sind im Frauenfußball. Dazu muss man auch sagen: Von den Chinesinnen hört man immer jahrelang nichts und dann plötzlich steigen die wie Phoenix aus der Asche und ich denke, dass die zur WM in zwei Jahren auch eine große Rolle spielen werden. Das Land ist riesig und ich glaube hier spielen so viele Mädchen und Frauen Fußball wie in keinem anderem Land, aber hierzulande bekommt man von dem ganzen relativ wenig mit.

„Ich habe auch schlechte Erfahrungen gemacht, aber selbst die möchte ich nicht missen.“

Pokalschrank: Kann man an diesen Nationen wie Deutschland und Schweden gewisse Charakteristika festmachen, warum der Fußball dort so erfolgreich ist? Gehen die Verantwortlichen hier zielstrebiger zur Sache?

DF: Also was Europa angeht, sind die skandinavischen Mannschaften ohnehin schon Vorreiter. Nicht nur was Frauenfußball angeht, sondern allgemein was den Frauensport betrifft. Das kommt daher, dass die dort schon viel emanzipierter sind. Seit Jahren spielen die skandinavischen Frauen eine Rolle im internationalen Fußball, bei Europa- oder Weltmeisterschaften. Deutschland hat da in den letzten Jahren aufgeholt und Skandinavien teilweise überholt, und hat das auf die Bundesliga ausgeweitet, so das das Niveau hier in Deutschland auch noch weiter gestiegen ist, und seit vier Jahren gibt es ja jetzt auch schon den UEFA-Cup, da können sich jetzt auch die Vereinsmannschaften messen und daran sieht man eben auch, dass aus Skandinavien und Deutschland die besten Vereinsmannschaften kommen.

„Aus Skandinavien und Deutschland kommen die besten Vereinsmannschaften.“

Pokalschrank: Der Erfolg der Damenmannschaften und das Ansehen des Frauenfußballs hat also Ihrer Ansicht nach direkt mit der jeweiligen gesellschaftlichen Akzeptanz der Frau zu tun?

DF: Ich denke schon. In Skandinavien ist es völlig normal, dass im Fernsehen die Ergebnisse der Frauenfußballliga gezeigt werden, genauso wie die der Männer. Dazu muss man vielleicht auch sagen, dass der Fußball in Deutschland einen noch höheren Stellenwert hat, als in Skandinavien. Der ist dort zwar auch hoch, aber hier schon noch weiter verbreitet. In Skandinavien sind die Unterschiede nicht so krass und Damen und Herren werden da gleichwertiger behandelt.

Pokalschrank: Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person:

Doris Fitschen wurde am 25. Oktober 1968 in Zeven/ Niedersachsen geboren und begann ihre Fußball-Karriere 1978 beim FC Hesedorf, mit dem sie bis in die Landesliga aufsteigen konnte. 1988 erfolgte ein Vereinswechsel zu Eintracht Wolfsburg, der zum Bundesligastart 1990 Platz fünf belegte.
1992 führte ihr Weg zum TSV Siegen, mit dem sie unter anderem zweimal deutsche Meisterin werden konnte.
1996 wechselte Fitschen für vier Jahre zur SG Praunheim, bevor sie sich 2001 für ein Jahr in der amerikanischen Profiliga WUSA bei Philadelphia Charge verpflichtete.
Für den DFB absolvierte Fitschen 144 Länderspiele; das erste am 4. Oktober 1986 gegen Dänemark; das letzte am 7. Juli 2001 gegen Schweden. In dieser Zeit wurde Doris Fitschen vier mal Europameisterin (1989, 1991, 1997 und 2001) und gewann unter anderem die Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen.